Ich hatte einen Traum - 3

Ich hatte einen Traum - 3

In den nächsten Tagen drehte sich natürlich alles um Aron. Zunächst übten wir im Garten die gebräuchlichsten Kommandos wie: Sitz, Platz, Aus und Steh. Anstandslos und ohne Nachdruck, befolgte er jedes Kommando aufs Wort. Dabei hielt er seine klugen braunen Augen aufmerksam auf mich gerichtet. Ich war freudig überrascht von seinem Wissensstand, war es doch der beste Beweis dafür, dass seine Leute sich sehr um ihn bemüht hatten.

Bereits am Ende der ersten Woche, konnte ich ihn auf unseren täglichen Rundgängen ohne Leine laufen lassen. Bei Anruf: „Aron komm hierhin“, drehte er auf dem Absatz um und kam zu mir zurück. Das folgende Kommando: „Fuß“, war dann nur noch eine Formsache. Als wäre es das Normalste auf der Welt, lief er einmal um mich herum und stellte sich dann an meiner linken Seite neben mich, den Kopf in Höhe meines Oberschenkels. Bei abermaligem Kommando: ,,Geh Fuß“, hielt er sich dicht neben mich, die Augen dabei alle paar Schritte auf mein Gesicht gerichtet, als wollte er fragen: „Na, bist Du zufrieden mit mir? Ist das so richtig wie ich das mache?“ Kraulte ich ihm dann anerkennend die Ohren und überschüttete ich ihn dabei überschwänglich mit ganzen Lobeshymnen, blitzte es in seinen Augen vor lauter Eifer nur so aus.

„Entschuldige bitte Klaus, wenn ich Dich hier an dieser Stelle unterbreche. Aber Deine Laudatio ist ja nicht mehr zum Anhören. Das was Du da über Aron erzählst, ist für einen wohlerzogenen Vierbeiner doch stink normal. Wir waren da nicht anders, oder Barry? Nun sage doch auch mal was zu diesem Thema!“

Balou hatte sich in Rage geredet. Die Schlappohren zuckten vor Aufregung, als wollten sie in der nächsten Sekunde nach oben schnellen.

„Hm, alter Freund, ich glaube dieses Thema solltest Du besser nicht ansprechen. Für die Kommandos die Klaus ansprach benötigtest Du doch 3 Anläufe:

1. Hat da jemand nach mir gerufen?

2. Naja, wenn er mich meint, wird er sich wohl wiederholen.

3. Tatsächlich er meint mich, na gut wenn es dann unbedingt sein muss...“

Ich musste lachen, Barry hatte vollkommen Recht. Er trafden berühmten Nagel direkt auf den Kopfe Wie oft hatte es mich geärgert, wenn ich 3, 4 mal hinter Balou herrufen musste. Nicht selten hob er dann kurz noch mal ein Bein, so quasi als symbolischen Stinkefinger, ehe er dann äußerst lustlos und gelangweilt zu mir zurückkehrte. Jetzt verlor Balou beinahe die Fassung:

„Du alter elender Schleimer!!! Das Du mir in den Rücken fällst, hätte ich nicht gedacht. Es hört sich ja gerade so an, als hätte ich meine Schlappohren mit Absicht auf Durchzug gestellt. Dabei stand so oft der Wind darauf, dass ich, selbst wenn ich gewollt, nichts mitbekommen hätte!“

Amüsiert betrachtete ich die Szene. Es war fast wie früher. Der ruhige, besonnene Barry, der übrigens nie Schwierigkeiten mit dem bergischen Wind gehabt hatte, brachte Balou derart auf die Palme, dass er nun seine Mühe hatte, den großen braunen Hund auf den Teppich zurück zu holen:

,,Nun rege Dich schon ab, Dicker. Ich gestehe ja gerne ein, dass im bergischen Land der Wind zuweilen rauh und kräfig bläst. Aber Gott sei Dank, hast Du die wichtigsten Kommandos wie: „Abendessen, Leckerchen, oder kommt wir gehen spazieren“, immer gut verstanden und dementsprechend eifrig befolgt. Aber ich würde sagen, bevor wir nun ganz ins Detail gehen, beenden wir das Thema und kommen zu Aron zurück. Bitte Klaus, erzähle weiter.“

Balou schluckte seinen Ärger runter, so gut es ihm möglich war und machte es sich auf dem Teppich wieder bequem.

„Tja Jungens, diese Diskussion hätte gar nicht stattfinden brauchen, wenn Ihr mich hättet ausreden lassen. Natürlich hat auch Aron, wie jeder andere Zwei oder Vierbeiner seine negativen Seiten. Da wäre zum Einen seine anfängliche Rauflust. Es verging in den ersten Wochen nicht ein Tag, an dem er nicht mit Trixi Streit vom Zaun gebrochen hätte und der lief nicht immer glimpflich ab.

Ich erinnere mich an den letzten Samstag im September. Fast sommerlich warm schien die Sonne vom Himmel herab. Den Abend dieses schönen Herbsttages wollten wir zum grillen nutzen und waren somit gegen 18.00 Uhr bei Bekannten verabredet. Bevor wir das Haus verließen, fütterte ich Trixi und Aron und zog dabei kurz die Bilanz des heutigen Tages: kein Gebrumme, kein Geknurre und keine Rauferei. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Ich atmete auf, vielleicht wird es ja ab heute besser. Es dauerte keine 5 Minuten, da wurde ich eines Besseren belehrt.

Ilka und ich schickten uns nun an, das Haus zu verlassen. Zum Abschied und gleichzeitig zum Trost, daß sie nicht mit uns konnten, kraulten wir Trixi und Aron die Ohren. Da passierte es: Ohne ersichtlichen Grund fielen beide Hunde von einer zur anderen Sekunde übereinander her. Im Nu war die dickste Rauferei am Gang. Die Luft war angereichert vom Kampfeslärm der beiden Streithähne. Getreu meinem Motto folgend: meine Verletzungen zahlt die Krankenkasse, die meiner Hund aber ich, denn da macht der Tierarzt Kasse, griff ich ohne großartig zu überlegen, in das Geschehen ein. Ich wartete eine vermeintlich günstige Gelegenheit ab und fasste dann Aron beherzt von hinten im Nacken, um ihn von Trixi weg zu reißen. Just in diesem Augenblick packte Trixi zu, verfehlte Aron und erwischte dafür meine Hand. Noch heute sehe ich ihre Augen starr vor Schreck auf mich gerichtet, wusste sie doch genau, dass sie mit mir den Falschen erwischt hatte. Damit war die Keilerei beendet. Friedlich und wie entschuldigend, leckte sie Aron kurz übers Maul, drückte sich dann an mich und wedelte mit der Rute.

Ganz ehrlich liebe Bärenfreunde, diese Geste des guten Willens wirkte dermaßen entwaffnend, dass ich mir den Schmerz verbeißend, innerlich mit mir selbst ins Gericht ging, in diese Meinungsverschiedenheit eingegriffen zu haben. Die Grillparty wurde feucht fröhlich. Einige Obstler und ein riesiges Steak halfen über den Restschmerz hinweg während ein gut gekühltes Bier vom Fass, mich die Frotzeleien der lieben Freunde gut ertragen ließ.

Der nächste Morgen, fand mich in aller Frühe bei meinem Hausarzt wieder, der kopfschüttelnd die Bisswunde medizinisch versorgte und mich danach 2 Wochen mit dem sogenannten gelben Urlaubsschein auf Eis legte. Und die Moral von der Geschicht: „Wenn zwei sich streiten, sollte sich der Dritte möglichst heraus halten.“

Die Zeit verging wie im Fluge, in der Aron sich immer besser bei uns einlebte, glaubte ich wenigstens. Gelegentliches Brummen bei verschiedenen Situationen, überhörte ich großzügig, nahm ich es doch bei einem Neufundländer nicht all zu Ernst. Ein fataler Irrtum, wie sich kurze Zeit später herausstellen sollte.

Im Oktober dann, nahm das Schicksal seinen Lauf. Froh gelaunt kamen Eva und ich von der Dortmunder Hundeausstellung zurück, beladen mit einem reichhaltigen Sortiment an Hundeleckerchen. Obendrein hatten wir für Aron ein Schlabberlätzchen mit gebracht, was wir ihm unter lautem Gelächter sofort anpassten. Im Garten wurden einige Runden getobt, ehe wir die Leckerchen an Trixi und Aron verteilten.

„Ich würde vorschlagen“, so wandte ich mich an Ilka und Eva, „Ihr versorgt die Pferde und ich gehe mit den Hunden noch eine Stunde durch den Busch. Lasst Euch ruhig Zeit, das Wetter ist so schön, wir kommen so bald nicht zurück.“

Zu diesem Zeitpunkt stand Eva am Gartentor, winkte mit dem Lätzchen und rief dabei nach Aron. Der kam sofort in großen Sätzen auf sie zu gerannt. Im ersten Augenblick sah es so aus, als würde er Eva überrennen wollen. Kurz vor ihr jedoch, kam er zum stehen und was dann geschah, können wir bis zum heutigen Tage nicht nachvoll ziehen. Als ich Evas Schmerzensschreie hörte und Aron vor ihr stehen sah wusste ich, dass etwas Ungeheuerliches geschehen war.

,,Papa, Papa, Aron hat mich gebissen! Aua Papa, es tut so weh!“

Ich stand wie versteinert da. Vom Ort des Geschehens trennten mich vielleicht 20 Meter. Langsam, viel zu langsam setzte ich mich in Bewegung, lief auf mein in Panik schreiendes Kind zu. Dann überschlugen sich die Ereignisse. Ein schwarzer Schatten überholte mich, rannte an mir vorbei, warf sich auf Aron und riss ihn zu Boden.T R I X I !!! Im Nu war die Luft erfüllt vom Lärm der kämpfenden Hunde. Ich erreichte Eva, nahm sie schützend in die Arme und schaute wie gebannt, auf das Gewirr der ineinander verkeilten Hundeleiber. Trixi der Familienhund beschützte ihre kleine Menschenfreundin.

Nach 2, 3 Ewigkeiten so erschien es mir jedenfalls, war der Kampf beendet. Hechelnd und am Ende Ihrer Kräfte, standen sich beide Hunde gegenüber. Aron blutete aus dem Maul, während Trixi eine tiefe Schramme auf der Stirn davongetragen hatte. Ilka hatte sich als Erstes wieder gefangen:

„Komm Eva wir müssen sofort ins Krankenhaus. Die Wunde muss sofort verarztet werden“, und mit einem Blick auf Evas Hand: „Ach du Schande, das sieht aber gar nicht gut aus, komm schnell“

Während die Beiden den Garten in Richtung Auto verließen, machte ich mich mit den Hunden auf den Weg zu unserer täglichen Runde. Ziellos durchquerte ich den Wald, von trüben Gedanken geplagt: Warum hat Aron das getan? Wie soll es nun weiter gehen? Was mache ich mit einem Hund, der seine Familie angreift? Aber vielleicht ist ja alles nur halb so schlimm. Vielleicht hat er Eva ja nur gezwickt und alles wird ganz schnell wieder gut. Und wenn nicht?

Verdammt noch mal, was soll ich bloß machen!?

Trixi und Aron liefen während dessen nebeneinander her, als wäre nichts geschehen.

„Aron komm mal hier hin. So ist es brav und nun SITZ!“

Auf der Stelle und wie gewohnt befolgte Aron meine Kommandos.

„Verdammte Sch... Aron, warum hast Du das getan? WARUM?

Aron vor mir sitzend, schaute mich mit seinen großen braunen Augen aufmerksam an. Nichts an seiner Haltung, deutete auf Aggressivität oder Bösartigkeit hin. Langsam ging ich vor ihm in die Knie, nahm seinen Kopf in beide Hände schüttelte ihn dabei leicht und fragte ihn wieder, dieses Mal ganz leise:

„Verdammt Aron, warum greifst Du Deine Familie an? Was machen wir denn jetzt bloß?“

Aron legte den Kopf schief, die Augen dabei tief und unergründlich fest auf mich gerichtet. Verdammt was geht bloß dahinter vor. Wie zur Antwort hob er plötzlich die rechte Pfote und legte sie etwas schwerfällig und unbeholfen auf meinen Unterarm. Ich schluckte schwer, hatte er doch mit dieser Geste seine Sympathie für mich bekundet.

Zu Hause angekommen, wartete ich lange vergebens auf Ilka und Eva. Als ich sie dann endlich die Treppe herauf poltern hörte, hatte ich bereits alle mir bekannten, erfahrenen „HundeIeute“ angerufen und um Rat nachgefragt. Das Ergebnis war äußerst niederschmetternd. Ein Neufundländer der beißt, noch dazu ein Familienmitglied, ist nicht tragbar. Die Einzige die mir Mut machte war Frau Ossenkop:

„Wie Sie wissen Herr Winter, braucht ein Neufundländer 6-12 Monate bis er sich neu irgendwo eingewöhnt hat und wenn Sie mir sagen, dass der Hund erst seit 6 Wochen bei Ihnen ist, dann können Sie davon ausgehen, dass er sich noch nicht eingelebt hat. Bitte bedenken Sie dieses, ehe Sie zu einer Entscheidung kommen.“

„Ha, dass war mir so richtig aus dem Herzen gesprochen. Ihr Zweibeiner glaubt doch wirklich, dass Ihr nur mit 'ner Wurst zu winken braucht und danach geht alles ganz von selbst. Wie es aber in einer solchen Hundeseele aussieht, die na ja drücken wir es mal so aus, zwangsumgesiedelt wurde, könnt Ihr nicht einmal erahnen. Der hat zu folgen und alles Andere ergibt sich von selbst. So Arrogant, können nur Menschen reagieren.“

Balou hatte seinem Ärger erneut Platz gemacht und mir diese Worte anklagend an den Kopf geworfen.

„Ach und wie war das mit Barry? Der hatte sich doch innerhalb kürzester Zeit bei uns eingelebt. Und gebrummt oder gar gebissen hat er schon gar nicht.“

„Ja gut Klaus, das stimmt schon. Aber welchen Verhältnissen bin ich denn auch entsprungen. Meine Leute bekam ich nur zu Gesicht, wenn sie mir was zu essen brachten. Mit ins Haus durfe ich nicht, weil sie der Meinung waren ein Hund gehöre nach draußen. Wenn Du so willst habe ich bis dahin nie erfahren was es heißt, einer Familie anzugehören. Deshalb fühlte ich mich hier bei Euch auf Anhieb wohl und brauchte somit keine Eingewöhnungsphase.“

Barry schaute mich mit seinen großen treuen Augen an. Diesen ruhigen, besonnenen Hund, wie sehr habe ich ihn geliebt.

„Nun mach schon weiter und verfall nicht schon wieder in Sentimentalitäten. Wir haben nicht ewig Zeit und wenn ich meinem Magen trauen darf gibt es bald Abendessen. Also hau rein Klaus und komm zum Ende unserer Geschichte.“

Balou und sein grenzenloser Appetit, an anderer Stelle berichtete ich darüber. Also gut, kommen wir zum Endspurt.

Das Gespräch mit Frau Ossenkop hatte mir enormen Aufrieb gegeben. Wir hatten alle Zeit der Welt und wenn Aron diese Zeit brauchte, sollte er sie erhalten. Bei diesem Gedanken wuchs mein Trotz nach dem Motto: jetzt erst recht. Kinderschänder und andere Schwerverbrecher erhalten in diesem Land Bewährungsstrafen wenn sie die richtigen Fürsprecher (Gutachter) auf Ihrer Seite haben. Hunde mit sogenannten Fehlverhalten wie Aron in diesem Fall, werden ohne groß zu fragen an die Wand gestellt.

Die Tür öffnete sich, Ilka und Eva betraten das Wohnzimmer. Mein Blick fiel auf Evas Gesicht. Die Spuren geweinter, verwischter Tränen und ausgestandener Schmerz standen darin geschrieben. Aber keine Unsicherheit, keine Angst und kein Hass auf denjenigen der ihr das zugefügt hat. Innerlich atmete ich auf. Das sah nicht nach einer Hinrichtung aus. Da vernahm ich llkas Stimme:

„Eva hat noch mal Glück gehabt. Der Biss ist haarscharf an einer Sehne vorbei gegangen. Eigentlich wollten die Ärzte sie zur Beobachtung stationär aufnehmen, aber wir konnten sie davon überzeugen, dass es für ihre Psyche nach diesem Erlebnis wohl besser wäre wenn sie in ihrer vertrauten Umgebung bleiben könnte. Nur eines steht fest, Aron hat kräftig hin gelangt.“

Zögernd wanderte mein Blick hinunter auf Evas Arm. Ach Du Sch..., Eine Gipsschiene zog sich von der Bisswunde bis zur Schulte hinauf. Ich nahm mein noch etwas marodes Kind vorsichtig in die Arme:

„Na tut es sehr weh?“

Eva schüttelte stumm den Kopf und fing dann an zu schluchzen:

„Papa, der Arzt der mich behandelt hat wollte natürlich wissen welcher Hund das war, für den Unfallbericht und so. Als ich ihm dann sagte, dass es unserer eigener Hund war, wurde der Typ ganz ernst und hat gefragt ob der Köter noch leben würde? Papa, bitte Du musst mir versprechen, dass Du Aron nicht umbringen lässt und auch nicht zurückgibst. Er hat sich ja vielleicht vertan und wollte nur in sein Lätzchen beißen, was ich in der Hand hielt. Bitte Papa, Aron muss hier bleiben!“

Gerührt und nun selber mit den Tränen kämpfend, drückte ich mein Kind fest an mich. Damit hatte Aron schon 2 der zu vergebenen 3 Stimmen auf sein Konto verbucht. Über Evas Schulter hinweg schaute ich auf Ilka. Die nickte mit dem Kopf:

„Also gut, eine Chance soll er noch haben. Aber ruf bitte gleich Hoffmanns an ob die sich dieses Verhalten erklären können.“

Gesagt, getan. Hoffmanns reagierten mit Entsetzen auf meine Nachfrage. Auch sie konnten sich Arons Verhalten in keiner Weise erklären. Frau Hoffmann gab mir nun jede Menge Tips für Unterordnungsübungen die Aron von Stund an durchlaufen musste. Dazu gehörte, dass er sich aus Evas geschlossener Hand Leckerchen förmlich herauspulen musste ohne Aggressionen zu zeigen. Das diese Übung schon mehr als den Mut Evas erforderte, brauche ich wohl nicht extra erwähnen. Aber im Umgang mit Hunden und Pferden seit ihrer Kindheit vertraut, bewältigte sie das Ganze einfach großartig. Wichtig dabei war, dass sie keine Angst zeigte und die Kommandos von ihrer Seite klar und deutlich ausgesprochen wurden.

Die nächsten Wochen waren hart für uns alle. Eva verhielt sich weiterhin großartig. Einarmig wenn man so will, übte sie täglich mit Aron Unterordnung in dem er ihr die Leckerchen aus der gesunden geschlossenen Hand zog, als wäre es das Normalste auf der Welt. Im Sitzstatus, die klugen Augen auf Evas Gesicht gerichtet, so absolvierte der große schwarze Hund seine täglichen Lektionen. Bilder, die ich nie im Leben vergessen werde. Es gab dann schon im Laufe der Zeit Situationen andererseits, wo Aron seinen Unmut mit einem Briummen quittierte. Aber dann war im Nu Trixi da und fasste ihn ans Öhrchen, machte ihn somit auf sein Fehlverhalten aufmerksam. Ich war stolz auf meine Hündin, diesen Mix Rotweiler/Riesenschnauzer, also zwei wie man so schön sagt Kampfhunderassen, die einen von Natur·aus gutmütigen Familienhund wie dem Neufundländer zeigte, was es heißt, ein wirklicher Familienhund zu sein.

Die Wochen vergingen, bis eines Tages der 1 .Dezember auf dem Kalenderblatt verzeichnet stand. Der Tag, an dem jedes Jahr kräfig gefeiert wurde. Barrys Geburtsag und der Meine. Es wurde dieses mal ein ruhiger Tag, ein Gedenktag.

Zwei Tage später stnd die nächste Hiobsbotschafi ins Haus. Trixi wurde operiert, kastriert. Dabei stellte unser Tierarzt eine Geschwulst an der Milchleiste fest und operierte sie gleich mit. Einen Tag vor Silvester kam der Befund aus Hannover zurück, in dem es hieß: bösartig, also Krebs. Kein unbedingtes Todesurteil da operiert, aber na ja. Die Silvesterfeier einen Tag später belastete dementsprechend meine Psyche. Ich nervte alle Anwesenden mit meiner gereizten Stimmung und war froh als ich nach der Mitternachtslaudatio mit Ilka den gastlichen Ort verlassen konnte. Der Spruch: „Frohes neues Jahr“, klang dabei wie Hohn in meinen Ohren und die nun allgemein ausbrechende Heiterkeit reizte meine Nerven aufs Äußerste. So begann das Jahr 1998.

„Und das liefdoch eigentlich ganz gut ab bis jetzt oder?“ Fragend schaut mich Balou an.

„Na gut“, räume ich ein, „Aron haben wir mit vereinten Kräften ganz gut in den Griff bekommen. Nur mit fremden Menschen hat er es nicht so. Aber gut, es muss ihn ja auch nicht jeder anfassen. Und Trixi? Ja sie ist spring lebendig, Gott sei Dank. Der Tumor ist nicht nachgewachsen und hat auch nicht im Körper gestreut. Eigentlich wäre somit meine kleine Welt in Ordnung bis auf...“

„Ja Klaus ich weiß. Barry und ich fehlen Euch und vor allen Dingen Dir, sehr. Aber wie ich schon anfangs erwähnte, ist daran leider nichts zu ändern. Aber eines möchten wir Dir noch mit auf den weiteren Lebensweg geben: Das was Du hier die letzten Stunden erlebt hast war ein Traum, unser Traum. Wahr sind nur die Erinnerungen die Du in Dir trägst, die Träume die Du spinnst und die Sehnsüchte die Dich treiben. Damit solltest Du Dich bescheiden.

Und nun müssen Barry und ich Dich verlassen. Aber glaube mir, wo Du auch bist und was immer Du tust, wir sind Dir nahe. Ich hoffe Du kannst damit leben.“

„He, nun wartet doch! Ihr könnt doch nicht einfach so gehen! Barry, Balou bitte bleibt doch noch! Lasst mich jetzt nicht allein,

B A L O U !!!“

„Papa, hallo Papa! Was ist denn mit Dir los? Papa schläfst Du? Träumst Du? Mensch Papa wach auf, bitte!“

Verdammt noch mal, wer zerrt da an mir rum? Wer spricht da zu mir? Mühsam öffne ich die Augen. Etwas verschwommen noch blicke ich in das Gesicht meiner Tochter.

„Na Papa, da bist Du ja. Was war denn los? Schon am frühen Nachmittag Alkohol?“

Nachmittag, Alkohol, wieso? Ich schüttel den Kopf, allmählich kann ich wieder klar denken, die Erinnerung kehrt zurück.

„Wieso Alkohol? Wie kommst Du darauf? Halt ja die freche Klappe Du Rotzlöffel. Nein Barry und Balou waren....“

Eva legt den Kopf schief:

„Was ist mit Barry und Balou Papa? Ich denke sie sind beide tot, oder? Geht es Dir wirklich gut Papa?“

Da raffe ich mich auf, quäle mich aus dem Sessel, gehe zögernd auf meinen Schreibtisch zu. Schreibblock und Kugelschreiber liegen unbenutzt auf der Tischplatte. Langsam setze ich mich auf den Stuhl, nehme den Kugelschreiber in die Hand und höre das Kratzen auf dem Papier. Hinter meinem Rücken liest Eva halblaut mit:

- ICH HATTE EINEN TRAUM -

 

Schlußakkord:
In dem ich hier sitze und die letzten Sätze verfasse, niederschreibe, schau ich auf den Kalender vor mir an der Wand. Nicht zu glauben, heute ist der 7.11.1998. Ich kann nun auf 14 Monate mit Aron zurückblicken. Eine schöne, anfangs nervenaufreibende Zeit. Aber allen Kritikern zum Trotz und all denen die auf Pauschalurteile wie: „Wer einmal beißt, der immer beißt“ herumreiten, kann ich liebe Bärenfreunde nicht ganz ohne Stolz entgegenbringen: Geduld und Ausdauer führen zum Ziel. Wie haben wir es geschafft aus diesem dominanten Rüden einen guten Familienhund zu machen? Im Prinzip ist die Frage leicht zu beantworten. Man nehme sich Zeit, viel Zeit , kompensiere diese mit äußerster Konsequenz, Liebe und Geduld und vertraue dabei auf den geradlinigen Charakter des Neufundländers. Im Klartext gesprochen: Man behandele seinen Hund so, wie man gerne selber von seinen Mitmenschen, von seiner Umwelt behandelt werden möchte. Es gäbe noch vieles zu sagen über Aron, noch vieles zu berichten, z. B. die erste allerdings katastrophale Begegnung mit unseren Pferden und die Entwicklung bis zum heutigen Tage. Es dauerte nicht lange und wir hatten einen super „Pferdebegleithund“. Oder aber, was noch wichtiger wäre: friedfertigen und freundlichen Umgang mit dem Rest der Hundewelt, irgendwann war ich es leid, bäuchlings durch den Busch gezogen zu werden. Aber lassen wir es bis hier hin gut sein, kommen wir zum Schluss. Bleiben noch Barry und Balou. Unvergessen leben sie in meinen Erinnerungen existieren weiter in meiner Fantasie.