Ich hatte einen Traum - 2

Ich hatte einen Traum - 2

Das Gespräch mit Frau Hoffmann währte wohl eine Stunde, und als ich danach den Telefonhörer ein hing, war ich davon überzeugt, das Richtige getan zu haben. Am Dienstag nächster Woche sollte Aron zu uns gebracht werden. Aufatmend lehne ich mich in meinem Sessel zurück und schließe die Augen.

„Sag mal, Klaus, ich habe da mal eine Frage. Die Welpenlisten waren doch zum damaligen Zeitpunkt randvoll. Du hättest die freie Auswahl der Zwinger gehabt sowie Farbe und Geschlecht. Warum hast Du Dir keinen Welpen genommen? Da weißt Du doch anschließend, was Du hast. Bei einem „Secondhand - Hund“ bist Du vor Überraschungen nie sicher.“

„Da hast Du schon recht, lieber Bar,y. Aber zum einen wäre mir die Aufnahme eines Welpen wie ein Verrat an Balou und Dir vorgekommen, und zum anderen muss ich ganz ehrlich sagen: Es gibt so viele Hunde, die vor der Tür stehen und ein neues Zuhause suchen. Diese Hunde haben für mich zunächst erste Priorität. Außerdem, mein lieber Barry, warst Du nicht auch solch ein armer Kerl Ich kann mich noch ganz gut an den 10.Oktober 1990 erinnern, als ich Dich von Deinem damaligen Zuhause am Starnberger See abholte. Ich wusste im Grunde auch nichts von Dir, bis auf das, was mir Deine Leute in kurzen Sätzen schilderten. Und trotzdem habe ich es gewagt, Dich mitzunehmen, Dir bei uns ein neues Zuhause zu geben. Sonst wärest Du ja wohl im Tierheim gelandet, oder?“

Während Barry nachdenklich die Augenlider senkt, beantwortet Balou die Fragen auf seine Art und Weise:

„Paß mal auf, Du halbe Portion! Klaus hat schon recht mit dem, was er da sagt. Wie viele unserer Brüder und Schwestern liegen auf der Straße und das aus den unterschiedlichsten Gründen, wobei die Scheidungshunde wohl den höchsten Prozentsatz darstellen. Der zweite Grund ist wohl der, dass es Menschen gibt, die es Leid sind, jeden Tag und vor allen Dingen bei jedem Wetter mit uns Gassi gehen zu müssen. Mit anderen Worten: Wir werden ihnen lästig. Bei Dir, mein Freund Barry, war es ja wohl noch anders. Angeblich hast Du ja Tag und Nacht in einer Tour gebellt, was natürlich voll gegen die Gewohnheiten eines Neufundländers spricht. Aufgrund der sich daraufhin gebildeten Bürgerwehr der lieben Nachbarn wurdest Du zum Abschuss freigegeben, wenn ich mich mal so bildlich ausdrücken darf. Den Rest kennst Du ja wohl selbst am besten. Und nun: Schluss mit der Debatte, weiter mit Aron!“

„Wo war ich denn stehengeblieben? Ach so, Ja, ich weiß schon, Telefonat mit Frau Hoffmann über Aron und wann sie ihn zu uns bringen. Tja, Ihr könnt Euch wohl meinen Gemütszustand ungefähr vorstellen. Auf der einen Seite konnte ich mir ein Leben ohne Bären nicht mehr vorstellen, andererseits war mir das alles etwas zu schnell, zu überraschend gekommen. Dann wiederum sagte ich mir: Da ist ein Neufundländer, der ein neues Zuhause braucht und das auf dem schnellsten Wege. Du bist derjenige, der ihm das und vieles andere mehr bieten kann. Und denke an Trixi, auch sie trauert, fühlt sich einsam, weint um ihre toten |Freunde.“

Ich erfuhr in diesen Tagen ein Wechselbad der Gefühle, wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte. Dienstag, 16.September 1997:

Gegen 16.00 Uhr hielt mit quietschenden Bremsen ein Kombi vor unserem Haus. Vom Wohnzimmerfenster aus konnte ich sehen, dass die Ladefläche mit etwas Großem, Schwarzem ausgefüllt war. Mit dem Ruf „lka, Eva, sie sind da!“ stand ich im Nu vor der Haustür. In diesem Augenblick öffneten sich Fahrer- und Beifahrertür des Kombi. Ein Mann und eine Frau entstiegen dem Gefährt und schauten sich suchend um. Langsam - wie in Trance - bewegte ich mich auf die beiden zu: „Entschuldigen Sie bitte, mein Name ist Winter. Sind Sie Herr und Frau Hoffmann?“ Die Antwort erhielt ich im schönesten Sächsisch: „Aber sicher sind wir das. Wir bringen Ihnen den Aron.“ Und mit einem Blick

auf Talsperre und Wälder ringsherum: „Mein Gott, haben Sie es aber schön hier, so richtig zum Wohlfühlen. Ich glaube, unser Hund ist bei Ihnen gut aufgehoben, nicht wahr, Sigrid?“ Frau Hoffmann holte tief Luft, schluckte ein paarmal kräftig und nickte dann nur mit dem Kopf. „So, aber nun wollen wir Ihnen Aron persönlich vorstellen!“ Die Stimme von Herrn Hoffmann klang nun doch etwas belegt. Während er die Tür des Kombi öffnete, ging ich erwartungsvoll in die Knie. Innerhalb weniger Sekunden reproduzierte mir das Unterbewusstsein Bilder aus vergangenen Zeiten, Bilder aus und mit dem Leben meiner Hunde. Der Tod hatte mir die besten Kameraden genommen, die ich je mein eigen nennen durfte, hatte gnadenlos eine Ära beendet. Das Leben aber in all seiner Vielfalt öffnete nun für mich ein neues Kapitel:

„A R O N“

Mit einem mächtigen Satz sprang er aus der Enge des Pkw hinaus in die Freiheit. Zwei, drei Sekunden lang sahen wir uns in die Augen, musterten uns gegenseitig, kamen zur Auswertung des sogenannten „ersten Eindrucks“. Ich schluckte schwer. Mein Gott, welch ein Hund! Stolz erhobenen Hauptes stand er vor mir. Braune Augen musterten mich eindringlich, neugierig. Die Rute, fast senkrecht in der Luft stehend, markiert ein Gemisch aus Arroganz und Wachsamkeit, so nach dem Motto: Hoppla, Jetzt komm ich! Die breite, tiefe Brust hob und senkte sich bei jedem Atemzug. Das gepflegte, schwarze Schlichthaar zeigte weder einen Anflug von Rot noch von Braun. Kurz und gut, vor mir stand sie – die realisierte Vorstellung eines Traumhundes! Arons Blick wanderte an mir vorbei, streifte kurz seine jetzigen Leute und blieb an einem Punkt hinter mir haften. Richtig, da ungefähr müssen Ilka und Eva stehen. Unschlüssig trat er von einem Bein auf das andere. Leise fing ich an, ihn zu locken:

„Hallo, Aron, komm mal her zu mir, lass Dir die Ohren kraulen! Was bist Du für ein feiner Kerl. Komm mal hierhin, ich habe ein Leckerchen für Dich!“

Arons Hals wurde bei meinen Worten lang und länger, witterte aufgeregt in meine Richtung, und dann lief er nach kurzem Zögern langsam auf mich zu. Ich streckte ihm beide Hände entgegen, eine Geste, die ihm sagen sollte: „Herzlich willkommen, kleiner Bär! Ich freue mich, dass es Dich gibt.“

Arons Augen machten den Eindruck, als würden sie durch mich hindurchschauen, und kurz bevor er mich erreichte, machte er einen Schlenker nach links, Iief somit an mir vorbei auf Ilka und Eva zu. Schweif wedelnd blieb er vor ihnen stehen und ließ sich huldvoll von beiden Frauen streicheln. Etwas enttäuscht, aber doch froh darüber, dass er mein Familie mit Freundlichkeit begrüßt hatte, gesellte ich mich zu den dreien. Jetzt wandte sich Aron auch mir zu und ließ sich nach Herzenslust die Ohren kraulen. Auge in Auge standen wir uns gegenüber, unsere Blicke tauchten ineinander, fragend noch, aber mit einer großen Portion Sympathie. Ich war zufrieden, mehr konnte man von einem ersten Zusammentreffen nicht erwarten.

„So, nun wollen wir aber Trixi nicht länger auf die Folter spannen. Ich würde vorschlagen, wir machen mit den beiden einen kleinen Spaziergang, damit sie sich kennenlernen können.“

Mein Vorschlag wurde einstimmig angenommen, und so marschierten wir als dann den Berg hinter unserem Haus hinauf, voller Erwartung auf das erste Zusammentreffen beider Hunde. Bald schon erreichten wir die große Wiese am Waldrand, wo es dann endlich hieß: Leinen los!

Darauf hatten Trixi und Aron nur gewartet. Zwei Giganten stürzten augenblicklich aufeinander zu, bremsten kurz vor dem Zusammenprall ab, sahen sich sekundenlang tief in die Augen und begannen dann mit dem für Rüde und Hündin so typischen Begrüßungsspiel. Es wurde einander gejagt, aneinander hochgesprungen und vieles mehr. Begleitet wurden diese Aktionen von Gebrumme und Gequieke in allen Tonlagen. Das Ganze währte wohl eine halbe Stunde, immer wieder unterbrochen von kurzen Verschnaufpausen. Dann lagen sich beide Hunde schwer atmend gegenüber, unfähig zu weiteren Aktivitäten. Wir als Beobachter konnten zufrieden sein mit dem heutigen Ergebnis, hatte man uns doch Aron als dominanten Rüden geschildert. Trixi, na ja, man will ja über den eigenen Hund nichts Schlechtes sagen, aber sie hat, gelinde ausgedrückt, ihre eigene Art, mit Artgenossen umzugehen. Es wurde ein gemütlicher Abend mit viel Gesprächsstoff über Hunde und Pferde. Beim Essen erhielten wir noch diesen und jenen Tip über Arons Eigenschaften und Verhaltensweisen. Dann war es so weit. Während Eva Trixi und Aron im Garten beschäftigte, verabschiedeten sich Hoffmanns von uns und überließen Aron somit unserer Obhut.

Kurze Zeit später gingen wir zu Bett. Der Tag war anstrengend genug gewesen. Doch eine innere Unruhe wollte mich keinen Schlaf finden lassen. Viele Fragen quälten mich, und über allem standen Barry und Balou. Sie lebten in meiner Erinnerung, in meiner Fantasie. Irgendwann in der Nacht - ich musste wohl doch eingeschlafen sein - wurde ich durch irgend etwas geweckt. Verschlafen rappelte ich mich hoch und entnahm dem Zifferblatt der Uhr die aktuelle Zeit von 2:10 Uhr. In diesem Augenblick durchzog ein langer Heulton unser Haus. Mit einem Satz war ich aus dem Bett.

A R O N!

Ich fand ihn im Flur vor der Haustür sitzend. Seine großen braunen Augen schauten mich traurig und voller Heimweh an. Der Anblick schnitt mir fast das Herz entzwei. Ich setzte mich zu Aron auf die Decke, nahm behutsam seinen Kopf in meine Arme und begann, ihm beruhigend die Ohren zu kraulen. Als dann seine Atemzüge ruhig und gleichmäßig wurden, begann ich, ihm leise sprechend eine Geschichte zu erzählen. Sie handelte von einem Mann und seinen zwei vierbeinigen Kameraden, einem braunen und einem schwarzen Neufundländer, Barry und Balou mit Namen. Es war die Geschichte einer wundervollen Freundschaft. Ich redete und redete, bis der Schmerz mir die Stimme versagen ließ.

So fand uns der junge Morgen: Zwei Einsame, mit dem Schicksal Hadernde, auf dem gemeinsam begonnenen Weg zu einem neuen Lebensabschnitt.


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Fortsetzung siehe Teil 3.