Ich hatte einen Traum - 1

Ich hatte einen Traum - Teil 1

Monoton prasselt der Regen, von heftigen Windböen begleitet, gegen die Fensterscheiben meines Büros. Weit weg mit den Gedanken, starre ich in das triste Grau des jungen Frühlingstages. Frühlingstag? Das soll der Frühling sein, den Mensch und Tier gleichsam herbeigesehnt haben? Nach einem milden, verregneten Winter nimmt der Wunsch nach Trockenheit und Wärme alle Lebewesen übermäßig in Besitz.

Langsam erwache ich aus meiner Erstarrung, finde zur Realität zurück. Vor mir auf dem Schreibtisch liegen Papier und Kugelschreiber. Seit Wochen versuche ich nun, wie versprochen, einen Bericht über Aron, meinen "neuen Hund", zu verfassen. Aber es will mir einfach nicht so recht gelingen.

Der Tod von Barry und Balou läuft mir hinterher – wie ein Alptraum, den ich wieder und wieder durchlebe. Vor mir an der Wand hängt der „Bärenkalender“. Der Monat April zeigt Balou vor der großartigen Kulisse der Lechtaler Alpen, unser letzter gemeinsamer Urlaub 1995! Drei Jahre ist das nun schon her. Mein Gott, wie schnell die Zeit vergeht. Schlagartig wird mir wieder einmal mehr die Schnell - Lebigkeit der heutigen Zeit, verbunden mit der Vergänglichkeit allen Lebens, bewusst. Wie in Trance bewege ich die Lippen: "Balou, alterJunge, hilf mir. Ich fühle mich so leer und ausgebrannt, einfach kaputt." Doch der große braune Hund gibt keine Antwort. Ich nehme den Kalender von der Wand, lege ihn vor mich hin und beginne, Balous Konturen langsam mit dem rechten Zeigefinger nachzuziehen.

Wütendes Gebell aus dem Hausflur und lautes Klappern am Briefkasten lassen mich zusammenfahren. Die Stimme unseres Briefträgers ist zu hören. '“Na, Ihr zwei, habe ich Euch geweckt? Das tut mir aber Ieid. Tschüss, bis morgen.“ Schnell betrete ich den Hausflur. Aron steht hochkant an der Wohnungstür und bellt ohne Ende, Trixi daneben, hat die Nackenhaare aufgestellt und knurrt gefährlich.

„He, Ihr beiden, regt Euch wieder ab, das war doch nur der Briefträger. Allmählich müsstet Ihr Euch doch an ihn gewöhnt haben.“

Ich öffne die Haustür und entnehme dem Briefkasten den üblichen Kram. Auch zwei Rechnungen sind heute leider mit dabei. Im Zeitungsfach finde ich dann das, worauf ich schon seit Tagen warte. Der „Bär" ist gekommen, na endlich! Während Trixi und Aron es sich im Flur wieder gemütlich machen, setze ich mich im Wohnzimmer in meinen Sessel und schlage erwartungsvoll die erste Seite auf. Nach deren kurzem Studium blättere ich weiter bis zur Rubrik „Leserbriefe“. Der Nachruf von Barry ist mit dabei. Hastig fange ich an zu lesen. Ja, ja, genauso war es, genauso hat sich alles zugetragen am 5. September 1997. An diesem Tag verlor ich meinen zweiten Hund, meinen Barry. Während ich langsam weiterlese, verspüre ich mit einem Mal, wie meine Hände anfangen zu zittern, das Herz schlägt mir hoch bis zum Hals, dann verschwimmen die Buchstaben vor meinen Augen. „He, alter Kämpfer, was ist los mit Dir? Seit wann schläfst Du am helllichten Tag? Mach die Augen auf, wir haben mit Dir zu reden!“

Was ist los? Wer spricht da zu mir? Ich habe doch gerade Stimmen gehört. Ach, lasst mich doch alle in Ruhe. Ich habe keine Lust, mich zu unterhalten. Ich will schlafen, einfach nur schlafen.

„Klaus, wach auf! Ich bin es, Balou, und ich will verdammt sein, wenn der feine Pinkel, der da neben mir sitzt, nicht Barry heißt. Mach endlich die Augen auf und sieh uns an!“ Ich versuche die Augen zu öffnen. Die Lider sind schwer wie Blei. Was hat die Stimme gesagt? Barry und Balou sind da un wollen mit mir sprechen? Wieso Barry und Balou? Die sind doch beide tot, gestorben im letzten Jahr. Wer erlaubt sich diesen üblen Scherz mit mir?

„Jetzt schau Dir mal dieses Weichei an, Balou. Kaum zu glauben, dass das einmal unser Rudelführer war. Der Typ vergeht ja regelrecht vor lauter Selbstmitleid. Klaus, mach jetzt endlich die Augen auf, sonst gibt's was auf die Ohren!“

Wach' ich oder träum' ich? Das sind wirklich die Stimmen meiner Hunde. Ich selbst habe sie ihnen ja gegeben, als wir vor Jahren anfingen, unsere Urlaubserlebnisse zu dokumentieren.

„Schau mal, Barry, ich glaube, Deine Drohung in Sachen Ohren hat geholfen. Unser Rudelführer ist erwacht. Guten Morgen, mein Bester!“ Ich bin nun hellwach. Vor mir - es ist nicht zu fassen - sitzen ein brauner und ein schwarzer Neufundländer. Ist das alles nur ein Traum, oder bin ich endlich reif für die Klapsmühle? „Schau mal, Barry, wie der guckt! Mit Intelligenz hat das wohl im weitesten Sinne nichts mehr zu tun – oder?“ „Nun urteile mal nicht zu streng, Balou. Für einen Normalsterblichen ist das auch nicht ganz so leicht zu verstehen. Hallo, Klaus, ich freue mich, Dich zu sehen!“ Ja, das ist sie, diese melodische Stimme, sie gehört Barry. Und diese dreiste Äußerung bezüglich meiner Intelligenz, im tiefsten Baß gesprochen, kann nur von Balou stammen. „Hallo, Jungs, alles klar? Wie geht es denn so?“ Man mag mir verzeihen, aber was Geistreicheres an Fragen fällt mir in dieser Situation einfach nicht ein. Postwendend erhalte ich auch die Antwort: „Aha, Barry, endlich hat er kapiert, dass wir keine Fata Morgana sind. Ja, mein Lieber, uns geht's gut, was man wohl von Dir nicht behaupten kann. Kurz und gut, wir machen uns Sorgen um Dich! '“ „Sorgen, wieso denn Sorgen? Mir geht es doch gut. Ich bin gesund, habe einen sicheren Arbeitsplatz, eine harmonische Familie, es läuft alles bestens. Nur dass Ihr beide mich nacheinander verlassen habt, kriege ich einfach nicht geregelt. Warum nur, warum?“ Die letze Frage ist ein einziger Aufschrei. Tränen schießen mir in die Augen, die Kehle wird eng und trocken. Bevor Balou nun antwortet, holt er tief Luft:

„Jetzt hör Dir gut an, Mein Lieber, was ich Dir zu sagen habe. Ich erzähl' das alles nur einmal. Also, paß auf und schreib es Dir hinter die Ohren. Über das Wieso und Warumk ann ich Dir keine befriedigende Auskunft erteilen. Es ist von der Natur nun mal eben so eingerichtet, dass der eine früher geht als der andere. Das ist bei allen Lebewesen so und nicht zu änder. Unsere Zeit war abgelaufen. Folglich mussten wir gehen. Daran ist nichts zu revidieren. So, das zu diesem Thema. Und nun geht es sofort weitere: Jahrelang hast Du Barry und mich mit so dämlichen Kommandos, wie „SITZ“, „PLATZ“, „AUS“ oder „STEH“ tyrannisiert, ganz zu schweigen von „Nehmt Ihr wohl die Nase vom Tisch!“ Ja da konnte es noch so gut riechen, wir mussten platzen, äh, ich meine natürlich, uns neben den Tisch legen. Oder - überhaupt nicht zu verstehen - das Kommando: „PFUI!“ Das kam immer dann, wenn wir den Duft einer kommunikationsbereiten Hündin ausgemacht hatten und hingebungsvoll den Boden leckten. Ja, weißt Du denn überhaupt, wie gut das schmeckt? Kurz und gut, was ich damit sagen will, ist folgendes: In all unseren Lebensjahren waren Barry und ich Dir gute Begleiter, wohlerzogen und liebenswert. Nun drehen wir den Spieß um, und Du hörst mal auf das, was wir Dir zu sagen haben. Es ist zu Deinem Besten, so hast Du zu uns auch immer gesprochen. Und ehe ich nun ganz ins Detail gehe, nimm endlich den Kugelschreiber in die Hand und schreib' was über Aron. Das bist Du unseren Fans, den „Bären“-Lesern, schuldig! Barry und ich helfen Dir dabei, so gut wir können“

„Helfen? Wie wollt Ihr mir denn helfen?“ „Das ist ganz einfach, Klaus. Du erzählst uns, was sich zugetragen hat und schreibst es dabei auf. Das ist die leichteste Art und Weise, etwas zu Papier zu bringen. Und nun fang jetzt bitte an!“

Das war eine verdammt lange Rede. Beifallheischend sitzen beide Hunde vor mir und schauen mich erwartungsvoll an. Ich glaube immer noch nicht, was sich da vor meinen Augen und Ohren abspielt. Aber was soll's, es gibt so viel Ungereimtheiten im Leben, da ist mir diese Situation hier mehr als recht. „Na gut, wenn Ihr meint, ich bin einverstanden. Wob soll ich beginnen?“ Barry schaut mich an: „An dem Tag, an dem ich Dich verließ.“ Hell und aufdringlich schellt der Wecker auf meinem Nachttisch. Wie, die Nacht ist schon vorbei? Ich habe mich doch gerade erst hingelegt. Meine suchende, tastende Hand erreicht den Störenfried und bringt ihn mit einem gezielten Schlag auf den Kopf zum Schweigen Es ist sieben Uhr, Zeit, die Hunde zu füttern. Die Hunde? Mit einem Satz springe ich aus dem Bett und renne halbnackt, wie ich bin, auf den Hausflur, die Treppe hinunter zum Hundekeller. Schweifwedelnd kommt Trixi auf mich zu und springt an mir hoch. Wieso nur Trixi...? Erst jetzt verspüre ich den stechenden Schmerz im Kopf. Die Erinnerung an den gestrigen Tag kommt zurück, holt mich ein mit der ganzen fürchterlichen Wahrheit. Schwer lasse ich mich auf die Treppenstufen im Hausflur fallen und vergrabe das Gesicht in beide Hände. Etwas Feuchtes, Warmes stößt mich an, leckt mir über die Hände und dann übers Gesicht. Ich schaue in ein vertrautes Augenpaar, in das Hunger geschrieben steht. Schwerfällig erhebe ich mich. Der erste Tag ohne Barry hat

begonnen

Samstag, 13. September 1997: Dösend liege ich auf der Couch, die Augen auf die Wohnzimmerdecke gerichtet. Es ist der achte Tag ohne Barry und der vierte Monat ohne Balou. Ich bin so ziemlich am Ende. Mehr von der Pflicht getrieben als alles andere, gehe ich mit Trixi die täglichen Runden durch den Wald. Menschen, die uns entgegenkommen, weichen wir aus. Teilnahmslos, mit gesenktem Kopf Iäuft Trixi neben mir her. Auch sie hat nun begriffen, wie gnadenlos das Schicksal zugeschlagen hat.

„Tach, Klaus, na, wie geht et? Wo hasse denn den Barry gelassen?" Ach, du lieber Gott! Die hat mir gerade noch gefehlte Ein jeder kennt sie, ein jeder hat sie, die liebe, allwissende, allgegenwärtige Nachbarin. Die Lindenstraße lebt, selbst in der Einsamkeit des Bergischen Landes. Ich tue so, als hätte ich nichts gehört, kümmere mich intensiv um Trixis Fellpflege und bewege mich dabei langsam Richtung Haustür. Pustekuchen, die Nachbarin sendet ein akustisches Signal. Der Pfiff lässt mein Trommelfell erbeben und Trixi einen erschreckten Satz zur rettenden Haustür machen. Der Gipfel der Aufdringlichkeit ist erreicht. Widerwillig drehe ich mich um. Im Toilettenfenster des Nachbarhauses liegt die Ursache meiner schlagartig aufgetretenen Aggression: Christel, die Nachbarin. „Na, den Pfiff hasse aber nich überhört, wa?“ Ich schaue in ein feistes Gesicht, dessen Augen hinter Fettwülsten verborgen liegen. Langes, schütteres Haar hängt ungepflegt in fettigen Strähnen auf die Schultern herab. Im rechten Mundwinkel klebt eine erkaltete Zigarette. Ich reiße mich zusammen, versuche höflich zu bleiben. Trixi hat indessen den rettenden Hausflur erreicht und lässt sich aufatmend auf ihre Decke fallen. Oh, du glücklicher Hund.

„Wo de den Barry has, hab ich gefracht! Tuße jetz schon am hellichten Tag träumen?“ Meine Antwort ist kurz und knapp: „Barry ist tot!“

Christels Augen werden kugelrund, und der Mund öffnet sich zu einem (fast) zahnlosen Krater. Die Zigarette, somit ihrer Halterung beraubt, fällt trudelnd ins Blumenbeet. „Wat de nich sachs, vorige Woche hab ich'n doch noch im Garten mit die Trixi gesehen. Ja und jetzt? Kauf se Dir'n Neuen?“

Man sagt den Frauen ja eine gewisse Sensibilität, gekoppelt mit einem hohen Maß an Feingefühl nach. Christel, mit geistigen Gütern sowieso spärlich bestückt, war bei der Vergabe dieser Tugenden wohl gänzlich übersehen worden. Jedenfalls auf die Beantwortung dieser Frage wartet sie heute noch, die liebe Nachbarin

Aufdringlich und geradezu provozierend schellt das Telefon. Ich war wohl doch kurz „eingenickt“, denn die Zeiger der Uhr sind ein ganzes Stück weiter gerückt. Sechzehn Uhr schon, wer kann das denn sein? Das ist bestimmt nicht für mich. Lasst mich doch in Ruhe. Ich bin für niemanden zu sprechen. In diesem Augenblick tritt der Anrufbeantworter in Aktion. Das Gerät habe ich vor Jahren in der Filiale einer großen deutschen Supermarktkette äußerst preiswert erstanden. Dementsprechend ist die Tonqualität, es rauscht und scheppert und quäkt. Inmitten all diesen Wirrwarrs vernehme ich eine mir unbekannte Frauenstimme, die ihren Namen nennt und dann etwas von Neufundländern erzählt. Neufundländer? Im Nu bin ich hellwach, hechte ans Telefon, reiße den Hörer von der Gabel und schreie meinen Namen in die Muschel. Am anderen Ende der Leitung meldet sich eine Frau Hoffmann: „Ja, guten Tag, Herr Winter, ich habe von Frau Brüning erfahren, daß Sie einen jungen Neufundländer suchen. Deshalb rufe ich an. Ich hätte da nämlich einen zweieinhalbjährigen schwarzen Rüden abzugeben“

Wieso Frau Brüning? Wieso suche ich...? Ach richtig, genau. Am Sonntag habe ich bei der Zuchtbuchstelle angerufen und Frau Brüning über Barrys Tod unterrichtet. Gleichzeitig äußerte ich den Wunsch nach einem „Umständehalberhund“, der ein neues Zuhause sucht, aber nicht mehr in diesem Jahr, ich muß erst einmal diesen Doppelschlag verdauen. Und nun erzählt mir diese Frau Hoffmann hier am Telefon von einem Neufundländer, der dringend - ganz dringend sogar - ein neues Zuhause sucht. Mein Herz jubelt, schlägt hoch bis zum Hals. Ja, das ist es, genau das. Ein Hund muss her, ein Neufundländer, was sonst?

Die richtige Therapie gegen meinen Seelenschmerz und ein neuer Partner für Trixi!


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Fortsetzung siehe Teil 2.